Dreißigjähriger Krieg 1618 - 1648

Der Prager Fenstersturz war ein Auslöser, aber nicht die Ursache
des Krieges. Dieses bekannteste Bild des Fenstersturzes ist eine nicht zeitgenössische
Darstellung aus dem Theatrum Europaeum.
Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein Konflikt um Hegemonie
oder Gleichgewicht zwischen den Mächten Europas und zugleich ein Religionskrieg.
In ihm entluden sich sowohl die Gegensätze zwischen der Katholischen Liga
und der Protestantischen Union innerhalb des Heiligen Römischen Reiches
als auch der habsburgisch-französische Gegensatz auf europäischer
Ebene. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten in Deutschland trugen
die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre dynastischen
Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden
aus.
Die Feldzüge und Schlachten fanden überwiegend auf dem Boden des
Reiches statt. Die Kriegshandlungen selbst, aber auch die durch sie verursachten
Hungersnöte und Seuchen verheerten und entvölkerten ganze Landstriche
des Reiches. In Süddeutschland etwa überlebte nur ein Drittel der
Bevölkerung. Alle wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse wurden
völlig umgestürzt. Die durch den Krieg betroffenen Territorien und
das Reich als Ganzes brauchten mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Kriegsfolgen
zu erholen. Der Dreißigjährige Krieg endete mit dem Westfälischen
Frieden am 24. Oktober 1648.
Seit Beginn des 16. Jahrhunderts versuchte Frankreich, sich aus der Umklammerung
durch die Habsburgischen Territorien Spanien, die Niederlande und die
Freigrafschaft Burgund zu lösen. Der habsburgisch-französische
Konflikt um die Vorherrschaft überlagerte bis zum 18. Jahrhundert alle
anderen Auseinandersetzungen in Europa, so auch den Dreißigjährigen
Krieg. Beide Seiten suchten sich dabei ihre Verbündeten auch jenseits
konfessioneller Grenzen. So unterstützte das katholische Frankreich die
protestantischen Niederlande, die seit 1568 einen Unabhängigkeitskrieg
den so genannten Achtzigjährigen Krieg gegen die spanische
Linie der Habsburger führten, deren Oberhaupt die römisch-deutsche
Kaiserkrone trug. Nach fast 40 Jahren Krieg schlossen Spanien und die Niederlande
1609 einen Waffenstillstand, der aber auf zwölf Jahre befristet war.
Während der erneute Ausbruch des Kampfes um die Niederlande absehbar
war, verschärften sich die konfessionellen Gegensätze im Reich:
Im Jahr 1608 untersagte der protestantische Rat der Stadt Donauwörth
den Katholiken die Ausübung ihres Glaubens. Daraufhin wurde über
die Stadt die Reichsacht verhängt. Herzog Maximilian I. von Bayern führte
Donauwörth gewaltsam zum katholischen Glauben zurück. Als direkte
Reaktion darauf schlossen sich die meisten protestantischen Reichsstände
zur Protestantischen Union zusammen, um den Bestrebungen zur Rekatholisierung
evangelischer Gebiete entgegenzutreten. Führer der Union war der calvinistische
Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz. Die protestantischen Fürsten
betrachteten die Union vor allem als Schutzbündnis, das notwendig geworden
war, da alle Reichsinstitutionen wie das Reichskammergericht infolge der konfessionellen
Gegensätze blockiert waren, und sie den Friedensschutz im Reich nicht
mehr als gegeben ansahen.
Im Gegenzug schlossen sich 1609 die katholischen Reichsstände unter
der Führung Maximilians I. von Bayern einem Wittelsbacher wie
Friedrich V. zur Katholischen Liga zusammen. Die Liga wollte das bisherige
Reichssystem aufrechterhalten und das Übergewicht des Katholizismus im
Reich bewahren.
Konfessionelle und dynastische Spannungen hatten mittlerweile in ganz Europa
ein enormes Konfliktpotenzial angehäuft. Diese Spannungen hätten
sich beinahe bereits 1610 im Jülich-Klevischen Erbfolgestreit entladen
und zum Ausbruch eines großen, gesamteuropäischen Krieges geführt.
Vorerst aufgehalten wurde diese Entwicklung durch die Ermordung des französischen
Königs Heinrich IV., der die treibende Kraft hinter dem anti-habsburgischen
Bündnis gewesen war.
Der Auslöser, der zum Ausbruch des großen Krieges führte, war
schließlich der Aufstand der mehrheitlich protestantischen böhmischen
Stände im Jahr 1618. Im Streit um die Nutzung einer Kirche in dem böhmischen
Dorf Braunau hatte der streng katholische, gegenreformatorisch gesinnte österreichische
Erzherzog und König von Böhmen Ferdinand II., der 1619 zum Kaiser
gewählt werden sollte, den Majestätsbrief widerrufen, der den Protestanten
in Böhmen Religionsfreiheit zugesichert hatte.
Die Aufständischen schritten im Mai 1618 zu einer in Böhmen traditionellen
Form des Protests und warfen die kaiserlichen Räte Martinitz und Wilhelm
Slavata sowie einen Sekretär aus einem Fenster der Prager Burg. Die kaiserlichen
Räte überlebten den Fenstersturz; dies wurde von katholischer Seite
als göttliche Fügung gewertet. Dass sie ihr Überleben einem
Misthaufen im Burggraben zu verdanken hätten, ist aber eine Erfindung
späterer Zeiten. Dieser Zweite Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 gilt
bis heute als Auslöser des Krieges.
Die böhmischen Stände beriefen sich auf ihr angestammtes Recht,
ihren König selbst zu wählen, und erklärten 1619 Ferdinand
für abgesetzt. Statt seiner wählten sie den Kurfürsten Friedrich
V. von der Pfalz, das Oberhaupt der Protestantischen Union im Reich. Beeinflusst
von seinem Minister, Christian I. von Anhalt-Bernburg, akzeptierte der 23-jährige
Friedrich die Wahl, erhielt von den protestantischen Reichsständen nach
der Unterzeichnung des Ulmer Vertrags jedoch nicht die erhoffte militärische
Unterstützung. Dennoch zog Friedrich in Prag ein, da er auch auf die
Unterstützung von calvinistischer Seite, etwa der Niederlande, und von
Seiten seines Schwiegervaters, König Jakobs I. von England hoffte. Auch
diese Erwartungen erfüllten sich nicht, so dass Friedrich weniger als
ein Jahr in Prag regieren und als Winterkönig in die Geschichte
eingehen sollte.
Der Aufstand der böhmischen Stände stellte die kaiserliche Vorherrschaft
grundsätzlich in Frage. Ferdinand II. konnte dies nicht akzeptieren,
ohne seine Macht im Reich zu gefährden. Da ihm aber selbst die Mittel
für einen Krieg mit Friedrich V. und den böhmischen Ständen
fehlten, schloss er mit Maximilian I. von Bayern den Vertrag von München.
Demnach sollte der Herzog den böhmischen Aufstand mit einer Armee der
Katholischen Liga niederschlagen. Im Gegenzug sollte der bayerische Wittelsbacher
die Kurwürde seines pfälzischen Vetters Friedrich erhalten und die
Oberpfalz für Bayern annektieren dürfen.
Johann Tserclaes Tilly Führer des Heeres der katholischen LigaMit
der Entsendung der Liga-Truppen unter der Führung des bayerischen Feldherrn
Johann Tserclaes Tilly nach Böhmen trat der Konflikt endgültig in
die kriegerische Phase ein.
Alle Beteiligten waren entscheidende Schritte zu weit gegangen: Ferdinand
II., der seine katholische Überzeugung über Frieden und Kompromiss
in seinem Herrschaftsbereich stellte; Friedrich V., der eine Krone akzeptierte,
die traditionell den Habsburgern zustand, wohl wissend, dass Ferdinand II.
schon aus Gründen der Reputation nicht kampflos auf sie verzichten konnte;
und schließlich Maximilian I., der die Unterstützung des Kaisers
von Forderungen abhängig machte, die das Mächtegleichgewicht im
Reich so stark zugunsten des Katholizismus verschieben mussten, dass die protestantischen
Fürsten dies nicht würden hinnehmen können.
Obwohl zunächst religiös begründet, wurde im Verlauf des Krieges
schon bald offenbar, dass er aus rein machtpolitischen Gesichtspunkten geführt
wurde. Auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs bekriegten sich zwei
Machtblöcke, die beide von katholischen Mächten geführt wurden:
die spanischen und österreichischen Habsburger einerseits und Frankreich
andererseits. Insgesamt lassen sich in den 30 Jahren von 1618 bis 1648 vier
aufeinanderfolgende Konflikte unterscheiden.
Böhmisch-pfälzischer Krieg (16181623)
Anfänglich erschien es so, als würden die böhmischen Stände
mit ihrem Aufstand erfolgreich sein. Das böhmische Heer unter Heinrich
Matthias von Thurn drang in die österreichischen Stammlande der Habsburger
ein und stand am 6. Juni 1619 vor Wien. Besonders der mit den Böhmen
verbündete Fürst von Siebenbürgen, Bethlen Gábor, machte
Kaiser Ferdinand II. schwer zu schaffen. Erst als dem Kaiser im Münchner
Vertrag vom 8. Oktober 1619 die Unterstützung Maximilians I. von Bayern
versprochen wurde, der protestantische Kurfürst von Sachsen, Johann Georg
I., an die Seite des Kaisers trat und die in der Union zusammengeschlossenen
protestantischen Reichsstände Friedrich V. von der Pfalz nicht adäquat
zu Hilfe kamen (Ulmer Vertrag), wendete sich das Kriegsblatt. In der Schlacht
am Weißen Berg wurde das Heer der böhmischen Stände unter
Christian I., Fürst von Anhalt-Bernburg, von den kaiserlich-ligistischen
Truppen unter Tilly und Karl Bonaventura Graf von Buquoy schwer geschlagen.
Nach der Schlacht floh Friedrich aus Böhmen, über ihn wurde die
Reichsacht verhängt. Ein Großteil der aufständischen böhmischen
Adeligen wurde am 21. Juni 1621 hingerichtet. Schon vorher hatte sich die
Protestantische Union aufgelöst.
Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel, Gemälde von Paulus
Moreelse, 1619Die noch verbliebenen protestantischen Heerführer Christian
von Braunschweig-Wolfenbüttel, der tolle Halberstädter
genannt, und Ernst von Mansfeld setzten den Krieg außerhalb Böhmens
fort. In den pfälzischen Erblanden des Winterkönigs
konnten sie zunächst bei Mingolsheim und bei Wimpfen größere
Erfolge feiern, mussten jedoch bei Höchst gegen die Kaiserlichen und
bei Fleurus gegen die Spanier schwere Niederlagen erleiden. Die Pfalz konnte
nicht gehalten werden und Friedrich V. verlor am 23. Februar 1623 die Kurwürde,
die auf Maximilian von Bayern übertragen wurde. Christian von Halberstadt
erlitt bei Stadtlohn erneut eine verheerende Niederlage und seine dezimierten
Truppen waren fortan für die Kaiserlichen kein ernstzunehmender Gegner
mehr.
Dänisch-niedersächsischer Krieg (16231629)
Nachdem die protestantischen Heere im Reich eine Niederlage nach der anderen
erlitten hatten, griff nun Christian IV. von Dänemark zu den Waffen.
Der dänische König plante mit seinem Verbündeten Ernst von
Mansfeld einen Feldzug, der sich zunächst gegen Thüringen und dann
gegen Süddeutschland richten sollte. Christian konnte diesen Plan jedoch
nicht umsetzen, da er am 27. August 1626 bei Lutter am Barenberge eine vernichtende
Niederlage gegen Tilly einstecken musste. Nach der Schlacht verloren die Dänen
die Unterstützung sämtlicher protestantischer Fürsten in Norddeutschland.
Bereits am 25. April 1626 hatte Christians Verbündeter Ernst von Mansfeld
in der Schlacht an der Dessauer Elbbrücke eine entscheidende Niederlage
gegen den kaiserlichen Feldherren Wallenstein erlitten. Mansfelds militärische
Karriere war nach der Schlacht beendet. Die protestantische Sache im Reich
schien verloren und Ferdinand II. erließ das Restitutionsedikt (1629),
das den Höhepunkt der kaiserlichen Macht im Reich markierte. Für
Dänemark endete der Krieg mit dem Frieden von Lübeck.
Schwedischer Krieg (16301635)
Nachdem mit Dänemark eine Ostseemacht aus dem Dreißigjährigen
Krieg ausgeschieden war, sah Gustav Adolf von Schweden die Chance gekommen,
seine hegemonialen Ansprüche in Nordosteuropa durchzusetzen. Er landete
mit seiner Armee am 4. Juli 1630 auf Usedom und zwang Pommern, Mecklenburg,
Brandenburg und Sachsen zu einem Bündnisvertrag. Am 17. September 1631
trafen die Schweden bei Breitenfeld auf die kaiserlichen Truppen unter Tilly,
der noch kurz zuvor die Stadt Magdeburg dem Erdboden gleich gemacht hatte.
Tilly wurde vernichtend geschlagen und konnte auch im folgenden Jahr den Vormarsch
der Schweden in Süddeutschland nicht aufhalten. In der Schlacht bei Rain
am Lech wurde er verwundet und zog sich nach Ingolstadt zurück, wo er
am 30. April an den Folgen der Verwundung starb. Die Schweden versuchten die
Stadt einzunehmen, was ihnen jedoch nicht gelang. Diesen Zeitvorsprung nutzte
Kurfürst Maximilian, um von Ingolstadt nach Regensburg zu ziehen und
es zu besetzen. Die Schweden drangen daraufhin bis München vor und bedrohten
Österreich.
In dieser für den Kaiser gefährlichen Situation ernannte er den
1630 auf dem Reichstag von Regensburg entlassenen Wallenstein erneut zum Oberbefehlshaber
der kaiserlichen Truppen (April 1632). Wallenstein gelang es tatsächlich,
Gustav Adolf Paroli zu bieten. Der charismatische schwedische König verlor
in der Schlacht bei Lützen am 16. November 1632 das Leben. Die Herrschaft
für die noch unmündige Christine von Schweden, Tochter Gustav Adolfs,
übernahm Axel Oxenstierna. Dieser schloss mit den Protestanten des fränkischen,
schwäbischen und rheinischen Reichskreises den Heilbronner Bund (16331634)
und führte den Kampf weiter. Sein fähigster Gegner Albrecht von
Wallenstein wurde am 26. Februar 1634 in Eger ermordet. Im selben Jahr konnten
die kaiserlichen Armeen in der Schlacht bei Nördlingen den ersten wirklich
großen Sieg über die Schweden unter dem bedeutenden Feldherrn Bernhard
von Sachsen-Weimar erringen.
Die protestantischen Reichsstände, zuallererst Kursachsen, brachen im
Jahre 1635 aus dem Bündnis mit Schweden aus und schlossen mit Kaiser
Ferdinand II. den Prager Frieden, der die Aussetzung des Restitutionsedikt
von 1629 für vierzig Jahre beinhaltete. Man beschloss auch, nun gemeinsam
gegen die Feinde des Reiches vorzugehen. Der Dreißigjährige Krieg
hörte damit endgültig auf, ein Krieg der Konfessionen zu sein, da
sich ab 1635 die protestantischen und katholischen Stände des Reiches
sowie das protestantische Schweden und das katholische Frankreich gegenüberstanden.
Schwedisch-Französischer Krieg (16351648)
In dieser Situation fürchtete Frankreich nun, dass der Konflikt durch
einen möglichen Friedensschluss des Reiches mit Schweden zum Vorteil
des Kaisers ausgehen würde. Daher entschloss man sich in Paris zum Angriff
auf das Reichsgebiet. 13 Jahre dauerten die folgenden, als Französisch-Schwedischer
Krieg bezeichneten Kämpfe auf deutschen Boden noch an, ohne dass
es eine entscheidende Schlacht und einen militärischen Sieger gab. Ab
1643 verhandelten die Kriegsführenden Parteien Deutschland, Frankreich
und Schweden in Münster und Osnabrück über einen möglichen
Frieden. Die Verhandlungen und Kämpfe dauerten aber noch fünf Jahre
an, erst 1648 wurde dann der Westfälische Frieden verkündet.
Darin wurde der Augsburger Religionsfrieden von 1555 wiederhergestellt und
damit die freie Kirchenwahl festgeschrieben. Zudem wurden dem deutschen Kaiser
Rechte entzogen und auf den Reichstag übertragen, die Reichsstände
wurden souverän und Europa unter den im Krieg verfeindeten Mächten
neu aufgeteilt.
Quellen:
Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Frankfurt/ Main: Suhrkamp.
Diverse Auflagen.